Manche Cuvée ist ein Meisterwerk der Winzerkunst. Wer aber Billigweine zusammenrührt und teuer verkauft, ist ein Betrüger. Wo ist die Grenze zwischen Veredelung und Verbrechen?

In Frankreich gehört es zum Kodex vieler Weinbauregionen, Rebsorten, Herkünfte und Jahrgänge miteinander zu vermischen.

Im Wein steckt Wahrheit. Aber welche? Eine Wahrheit ist, dass Wein ein Lebensmittel wie jedes andere ist, das handwerklich oder industriell produziert wird. Mal ist er gut, mal ist er schlecht. Und solange es Wein gibt, das ist eine weitere Wahrheit, wird er manipuliert. Wobei das keine negativen Folgen haben muss, denn ohne das Zutun des Menschen gäbe es überhaupt keinen Wein. Wann aber wird die Grenze zum Panschen überschritten, aus edlem Wein ein Gesöff? Und ist das vermeintlich Reine wirklich besser als das Gemischte? Wo verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse?

Dekantieren wir also ein paar Legenden und Missverständnisse, um zum wahren Kern vorzudringen. Statten wir zunächst Deutschland einen Besuch ab, einem Weinland, das sich dem Prinzip der Reinsortigkeit stärker verpflichtet fühlt als andere Länder. Fast immer steht auf deutschen Etiketten nur eine Rebsorte, was bei vielen Weintrinkern den Eindruck erweckt, reinsortiger Wein sei tatsächlich auch der reinere Wein. Doch es gibt auch in Deutschland Winzer, die das Primat der Reinsortigkeit missachten. Auf dem Gut Hahnmühle im Weinbaugebiet Nahe machen Martina und Peter Linxweiler einen »Riesling & Traminer«. Können sich die beiden etwa nicht entscheiden, welche Sorte die bessere ist?

Der Wein stammt aus der steilen Lage Cöllner Rosenberg, wo zwei Drittel Riesling und ein Drittel Traminer stehen. »Gemischter Satz« heißt dieses Prinzip, in deutschen Rebgärten ist es fast ausgestorben. »1984 haben wir den Weinberg neu angelegt, nachdem wir auf historischen Etiketten viele Beispiele für diese Tradition gefunden hatten«, sagt Martina Linxweiler. »Natürlich ist so ein Wein erklärungsbedürftig, weil viele denken, der sei aus irgendetwas Minderwertigem zusammengemischt.«

Ein hartnäckiges Vorurteil. »In der Ausbildung wurde das Prinzip des Verschneidens immer so gelehrt, dass man uns gezeigt hat, wie viel anderen Wein man untermischen kann, ohne dass man das herausschmeckt«, erinnert sich Linxweiler. Der fein ausgewogene Riesling & Traminer zeigt, wie viele Chancen die Winzer vertun, denn bei ihm paart sich die Frucht des Riesling mit dem Aroma des Traminer auf geniale Weise, weil die Trauben gemeinsam gelesen und verarbeitet werden – und nicht erst nach der Gärung verschnitten. »Dadurch wird der Wein wie aus einem Guss«, sagt Martina Linxweiler.

Früher standen fast überall fünf, sechs Rebsorten kunterbunt durcheinander. Man kann davon ausgehen, dass der gemischte Satz erst durch das Auftreten der Reblaus Ende des 19. Jahrhunderts verschwand, als praktisch alle Anbauflächen gerodet werden mussten. Bei der Neupflanzung wurden die meisten Flächen reinsortig angelegt, später ging man sogar dazu über, genetisch identische Klone zu pflanzen. So können die Winzer die Weinqualität im Weinberg erheblich leichter kontrollieren.